Unsere letzte Veranstaltung – Senthuran Varatharajah

af_varatharajah_senthuran__150Workshop mit Senthuran Varatharajah, dem Förderpreisträger des Bremer Literaturpreises 2017

Freitag, 20. Januar 2017, 10.00 – 13.00 Uhr: Workshop in der Zentralbibliothek im Wall-Saal mit der Oberschule Findorff.

Dienstag , 24. Januar 2017, 11.00 Uhr: exklusive Lesung für geladene Oberstufenschüler in der ÖVB – Öffentliche Versicherung Bremen – in der Martinistraße 30

Die Teilnahme für beide Veranstaltungen ist kostenlos! Anmeldung unter: redaktion@workshop-literatur.de

Den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2017 erhält Senthuran Varatharajah für seinen im S. Fischer Verlag erschienenen Debüt-Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“. Der Förderpreis wird seit 2005 von der ÖVB – Öffentliche Versicherung Bremen finanziert.

Die Preisverleihung des 63. Bremer Literaturpreises findet am Montag, 23. Januar 2017 in der Oberen Halle des Bremer Rathauses statt.

Senthuran Varatharajah – Workshop

varatharajah_2„Wie gehe ich damit um, was ich bin?“

„Ich habe mit 26 Jahren meinen ersten Roman gelesen“, bekennt Senthuran Varatharajah den Schülerinnen und Schülern der Oberschule Findorff, die sich zum heutigen Workshop in den Wall-Saal eingefunden haben. Erst später ergäben sich viele Mythen darüber, wie ein Autor schon in Kindertagen geschrieben oder vorgetragen habe. Ob diese immer der Wahrheit entsprächen, bezweifelt Varatharajah. Der Berliner Literat erzählt weiter, dass ihm die Bibel als wichtiges Buch in Erinnerung geblieben sei, da seine Kindheit in der oberfränkischen Provinz stark christlich geprägt war. Später sei zunehmend Interesse an philosophischen Texten entstanden. In seiner Kindheit habe ihn aber ebenso Fernsehen geprägt, aber auch, dass er Mitglied in einer Band gewesen sei. varatharajah_4„Das Songwriting war bestimmt eine Entwicklung zum Literarischen hin“, sagt Varatharajah. Er weist die Workshopteilnehmer daraufhin, dass das Buch zwar ein wichtiges Medium literarischer Bildung sei, aber nicht das einzige. Maßgebliche Quellen von Literatur könnten ganz unterschiedlich sein. „Wir leben in einer Zeit, in der die ganze Wirklichkeit umstrukturiert wird, Raum und Zeit werden durch neue Medien aufgehoben bzw. sind ganz nah“, so Varatharajah. „Ich kann mir bereits morgens im Bett grausige Videoaufzeichnungen von Bombenangriffen auf Aleppo anschauen.“ varatharajah_5Vermeintlich weit Entferntes gerate schnell in den eigenen Alltag, daher verlange die Verarbeitung dieser veränderten Zeit für den Autor auch einen anderen Umgang mit Sprache und Alltag. „Ich wollte die Sprache bewusst brechen, eine neue Form finden, um mich im Ton von lakonisch, oft ironischen Gegenwartstexten zu unterscheiden. Ich wählte daher die äußere Form, meinen Text innerhalb einer Facebook-Unterhaltung anzusiedeln“, erklärt Varatharajah über die Entstehung seines eigenen Debutwerks. „Dabei spielt Facebook als Label weniger eine Rolle, sondern mehr das Internet allgemein, das mir in meiner Jugend Trost und Intimität gespendet hat. Im Roman reproduziere ich diese Erinnerung.“ Varatharajah verdeutlicht den Schülern, dass zu Beginn des Schreibens immer die Frage stehe: Was hat mich geprägt? Wie gehe ich damit um, was ich bin? Wie mache ich diese Erkenntnisse zu Text?

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Workshopergebnisse aus dem Workshop mit Senthuran Varatharajah am 20.01.2017

Schreibaufgabe: Schreibe fünfzehn Sätze über die erste Erinnerung auf, die dich geprägt hat und die dir bis heute im Kopf geblieben ist.

Aufwachsen

In meiner Gegend als Kind aufzuwachsen ist nicht leicht.

Drogendealer hier, Schüsse fallen dort

Schneller als man sieht greift man zum Ot.

Man verspricht sich selber, später von hier weg zu sein.

Freunde, die kommen und gehen wie die Gezeiten

Hab schon viele gute Menschen an Drogen verloren.

Natürlich geschieht alles, was geht, im Verborgenen

Viele hatten eigentlich was in der Schule drauf.

Bei vielen hätte es gereicht, nur etwas mehr Support

Nur ein Freund von sieben, der es ins Abi geschafft hat

Einer von sieben, der aus sich was gemacht hat.

Rap war immer die Musik, die uns vereint hat.

Lyrik, die Sehnsucht, erweckt zur Heimat

Ab einem gewissen Punkt im Leben

trennt man sich,

um verschiedene Wege im Leben zu gehen.

Wenn man sich sieht, gibt man sich die Hand.

Redet über sich und die Zeiten, wie sie mal waren.

In meiner Gegend als Kind aufzuwachsen ist nicht leicht.

Trotzdem, du kannst was erreichen, wenn du dich zusammenreißt.

(Aykut Bicak

 a.k.a AMB)

 

Sie ist immer noch nicht da, was macht sie so lange?

Jetzt ist sie schon wieder weggegangen.

Ob die Tür offen ist?

Die warten doch bestimmt auch schon.

Ob ich …, ja ich gehe, ganz allein.

Ob sie sich fragt, wo ich bin?

Sie weiß ja, wo ich hinwollte.

Ob das so eine gute Idee war?

Sollte ich nicht doch wieder zurück?

Nein, jetzt bin ich bestimmt gleich da.

Jetzt noch um die Ecke, ja genau hier.

Ich klingelte an der Tür und sie öffnete sich, ich grinste.

(Bjarne Gerwin)

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Senthuran Varatharajah – Porträt

af_varatharajah_senthuran__150Senthuran Varatharajah, geboren 1984 in Sri Lanka, studierte Philosophie, Evangelische Theologie und Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. 2014 nahm er – ohne zuvor etwas veröffentlicht zu haben – an den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil und erhielt den 3Sat-Preis. Senthuran Varatharajah lebt in Berlin und war auf seinem Weg zum Schriftsteller unter anderem Stipendiat der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, erhielt das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste und war Teilnehmer der Autorenwerkstatt Prosa 2014 des Literarischen Colloquiums Berlin.

Schon vor seinem Debütroman galt der Berliner Autor Senthuran Varatharajah als großes Talent. Nun hat er seinen ersten Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ veröffentlicht. Darin setzt er großen Wert auf das Schreiben gegen rassistische Klischees und reflektiert von Flucht, Migration und vom Ankommen in Asylbewerberheimen am Rand der deutschen Gesellschaft. Varatharajah kann auch aus eigener Erfahrung sprechen: Bereits kurz nach seiner Geburt 1984 in Jaffna auf Sri Lanka floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr war die Familie in Oberfranken in einem Asylbewerberheim untergebracht. Schon während seines Aufwachsens und Erwachsenwerdens begegnet Varatharajah laut eigener Aussage immer wieder offenem Rassismus und unterschwelligen Vorbehalten, wie er es auch in seinem Roman zum Thema macht. Die Gesellschaft müsse sich an die neuen Gegebenheiten anpassen und nicht von einem Menschen wie ihm, mit dunkler Hautfarbe, automatisch erwarten, dass er die deutsche Sprache nicht beherrsche, so Varatharajah in einem Interview mit Katja Weise von NDRKultur. Er habe die deutsche Sprache mit Hilfe der Bibel und des Fernsehens gelernt, später haben ihn die großen Philosophen fasziniert und weitergebracht. Weiterlesen

Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen

senthuran-varatharajah_cover_150Flüchtige Augenblicke

Senthil und Valmira könnten sich vielleicht kennen, dies zumindest teilt ihnen Facebook beim nächtlichen Internetgang mit. Beide haben in Marburg studiert, während Valmira immer noch dort lebt, ist Senthil nun in Berlin Doktorand. Aneinander annähernd tauschen sie Fotos und Namen von Orten, Freunden oder vermeintlichen Begegnungspunkten aus. Obwohl sie recht schnell feststellen „Wir sind uns also nie begegnet. wir hätten uns nie begegnet sein können“ (27), beenden die beiden ihre Online-Unterhaltung nicht. Doch es entwickelt sich kein Flirt oder ein Frage-Antwort-Spiel des oberflächlichen Kennenlernens. Die digitalen Briefeschreiber reihen assoziativ verschiedene Episoden ihrer jeweiligen Vergangenheit aneinander. Auf eine Erinnerung antwortet der/die andere nicht direkt, sondern reagiert fast monologisch mit einem eigenen, oft ähnlichen Erlebnis. Verbunden sind diese eher sperrig zu lesenden Textstücke durch ihren Inhalt, der sich zunehmend stärker mit Rückblicken auf ihre Herkunft aus unterschiedlichen Ländern und ihre Ankunft in Deutschland beschäftigt. Bruchstückhaft und nicht chronologisch fallen den Schreibenden immer mehr Details und Erinnerungen ein: „vielleicht fallen uns diese Dinge nicht ein, sondern wir in sie, von links nach rechts, von oben nach unten.“ (80)

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Unsere letzte Veranstaltung – Martin Glaz Serup

martin_glaz_serup_andreas_kjaergaard2Workshop mit Martin Glaz Serup bei poetry on the road 2016

Freitag, 27. Mai 2016, 10.00 Uhr – 13.00 Uhr:
Workshop im Wall-Saal der Zentralbibliothek mit einem
Leistungskurs Deutsch des Kippenberg Gymnasiums Thank you to Martin Glaz Serup, we hope to see you again in Bremen!
(Foto: Andreas Kjaergaard)

(Die Teilnahme war kostenlos, wie immer!)

weitere Informationen auch unter www.poetry-on-the-road.com

Martin Glaz Serup – Porträt

Martin Glaz Serup Thomas Trane Petersen Det Kongelige Bibliotek

Der aus Kopenhagen stammende Poet (* 1978) hat sich in der Lyrikszene vor allem durch seine acht Gedichtbände etabliert, seine Gedichte wurden zuvor in zahlreichen Lyrikzeitschriften abgedruckt. Martin Glaz Serup gehört zu den ausgewiesenen Begabungen der jungen dänischen Dichterszene und wurde bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet. Wie kaum ein anderer seiner Generation realisiert er das Abenteuer des Sehens in seinen Gedichten. Serup veröffentlichte bisher acht Kinderbücher und ebenso viele Lyrikbände, er debütierte als Lyriker mit dem Langgedicht ›Marken‹ (2010) und erhielt von allen Seiten höchstes Kritikerlob. Die lyrische Sprache begreift der dänische Dichter als Bewegung, als lose Form fließender Zeichen, stets auf der Suche nach dem eigenen Ursprung. Seine Sprache berührt etwas Ewiges, eigentümlich Vertrautes, aber nie ganz Fassbares. Für seine Dissertation über Relational Poetry erhielt er eine Goldmedaille der Universität Kopenhagen. Martin Glaz Serup wurde ins Schwedische, Finnische, Englische und Deutsche übersetzt. An der Universität Kopenhagen und diversen anderen dänischen Universitäten und Privatakademien unterrichtet er Kreatives Schreiben. Darüber hinaus tritt der junge Autor auch als Herausgeber verschiedener Literaturzeitschriften sowie Online Lyrikmagazine auf und betreibt einen Blog über Gegenwartslyrik.

(Stephanie Schaefers)

 

 (Foto: Thomas Traene Petersen)

 

 

Martin Glaz Serup: Workshop

glaz serup 125 1Workshop mit Martin Glaz Serup im Wall-Saal der Zentralbibliothek am 27.05 2016

Nachdem Dr. Stephanie Schaefers, die Projektleiterin von workshop literatur bremen, die zwanzig Schülerinnen und Schüler des Deutsch Leistungskurses des Kippenberg Gymnasiums begrüßt hat, stellt der dänische Autor Martin Glaz Serup sich und sein Langgedicht „Das Feld“ vor. Schnell wird klar, dass es bei diesem Workshop einen Unterschied zu den bisherigen Veranstaltungen geben wird: Der Lyriker aus Kopenhagen führt den Workshop auf Englisch durch, zur Einführung in das Gedicht „Marken“ (Das Feld), wählt er sogar seine Muttersprache Dänisch. Um ein Gefühl für den Rhythmus der dänischen Lyrik zu bekommen, trägt Martin Glaz Serup einige Stellen aus dem Originaltext vor. Um den Inhalt nachvollziehen zu können, lesen die Schüler jeweils die deutsche Übersetzung nacheinander vor.

Zum Einstieg in die darauf folgende Schreibaufgabe werden Gedanken über „Das Feld“ ausgetauscht und interpretiert, zuerst etwas schleppend, auch aufgrund der Sprachbarriere, aber mit Hilfe der Dolmetscherin Carol Wengler entwickelt sich bald eine rege Diskussion.

In einer halbstündigen Arbeitsphase sollen die Schüler sich ein Konzept für ein eigenes Buch überlegen und erste Zeilen dazu verfassen. Das Thema soll angelehnt an „Das Feld“ sein, also ein abstrakter, gar gefühlloser Begriff oder Gegenstand. Diesem sollen, wie eben einem Feld, eigene Gedanken und Gefühle eingeschrieben werden.

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Martin Glaz Serup: Interview

glaz serup interviewMartin, how did you start with your writing? Since when did you write poems (right from the beginning)?

I started writing long before I started writing – in the sense that before you can write you have to read, I believe, and I was an eager reader almost as long as I can remember. I probably wrote my first horror and science fiction short-stories when I was about … 12-13 or something… I was very inspired by Stephen King and the Danish ‚horror master‘ Dennis Jürgensen. Poetry I found on the local, very good library and read and read, without understanding much in the beginning, but somehow it seemed important to me, enticing, so I continued to read one volume after another. I probably started to write poetry more seriously myself when I was around… 15-16 or something… And even more serious when I was a conscript in the army, around 19, and didn’t have much time for writing; the poems, I could work on in my head when I was busy doing other things – marching or digging trenches out of the dirt for instance.

What is more difficult/fun, to write books for children or to write poems?

Both is terribly difficult, most of the time, and terribly fun, some of the time.

If you are participating at a festival like poetry on the road and you are listing to many other poets, how is that influencing your poems or writing in terms of content, style, formal rules?

I’m always looking for literature worth experiencing; an ambitious international poetry festival like the one in Bremen is a great opportunity to encounter great poets and poetry that I didn’t know already, which is always a gift. How that may influence my own work is totally unpredictable.

Thank you for your answers.

(Das Interview führte Stephanie Schaefers am 08.06.2016 per Email)